Allianz Suisse/Commercial: Schiffe und Ladung im Wert von 125 Milliarden US-Dollar warten auf freie Fahrt im Persischen Golf

Wallisellen, 24. Juni 2026 – Geopolitische Spannungen, zunehmende Risiken entlang zentraler Schifffahrtsrouten und anhaltend hohe Brandschäden stellen die globale Schifffahrt vor grosse Herausforderungen. Zwar sank die Zahl der gemeldeten Vorfälle 2025 weltweit um 16 Prozent auf weniger als 3'000, doch die Risikolandschaft bleibt komplexer und volatiler. Angesichts des hohen Werts von Schiffen und Ladungen sowie der Bedeutung maritimer Nadelöhre rückt für die Branche die Stärkung der operativen Resilienz zunehmend vor reine Kosteneffizienz.

Da 90 Prozent des internationalen Handels über die Weltmeere transportiert werden, sind maritime Sicherheit und stabile Schifffahrtsrouten von entscheidender Bedeutung. Laut des aktuellen Safety and Shipping Review von Allianz Commercial sind Vorfälle wie die Blockade und gemeldete Verminung der Strasse von Hormus die jüngsten in einer Reihe von Störungen, die die Schifffahrt beeinträchtigt haben. Sie markieren den Übergang zu einer «neuen maritimen Ordnung», welche von zunehmenden Sicherheitsrisiken entlang strategischer Seewege geprägt ist. Etablierte Handelsrouten werden unterbrochen, die generelle Unsicherheit sowie die Risikoprämien steigen und der Aufbau von Resilienz gegenüber reiner Kosteneffizienz rückt in den Mittelpunkt.

Neben geopolitischer Unsicherheit bleiben traditionelle Risiken für die Schifffahrtsbranche ein wesentliches Thema – obwohl die Zahl der Totalverluste von Schiffen und der gemeldeten Unfälle in den vergangenen Jahren weiter zurückgegangen ist. Maschinenschäden oder -ausfälle sowie Brände zählen dabei zu den wichtigsten Schadenursachen und führen zu erheblichen wirtschaftlichen und versicherten Verlusten. «Unsere Analyse zeigt, dass die Schifffahrtsbranche in den vergangenen Jahren deutliche Fortschritte bei der maritimen Sicherheit gemacht hat. Gleichzeitig hat sie jedoch einen grundlegenden Wandel durchlaufen – von Jahrzehnten relativer Stabilität hin zu einem zunehmend komplexen und volatilen Umfeld. Der Konflikt im Nahen Osten und die Schliessung der Strasse von Hormus sind nur die jüngsten in einer Reihe schwerwiegender Disruptionen, die Reeder und Frachtunternehmen getroffen haben. Resilienz, Geopolitik und Effizienz müssen in einer zunehmend unberechenbaren Welt ausbalanciert werden, in der die Kosten der Unsicherheit die Schifffahrtsbranche neu prägen», erklärt Thomas Lillelund, CEO von Allianz Commercial.

Der Konflikt im Nahen Osten hat den Verkehr in der Strasse von Hormus, einer zentralen globalen Route für den Ölhandel, zum Erliegen gebracht. Daten von Allianz Research zeigen, dass sich rund 1.150 beladene Schiffe (über 100 Gross Tonnage (GT)*) mit einem geschätzten Schiffs- und Frachtwert von rund 125 Milliarden US-Dollar, einem Volumen von 29 Millionen GT und 20.000 Seeleuten im Persischen Golf befinden. Sie warten darauf, die Passage nach den jüngsten diplomatischen Durchbrüchen durchqueren zu können. Dies unterstreicht die strukturelle Bedeutung maritimer Nadelöhre und ihre zentrale Rolle für Schifffahrt und internationalen Handel. Zugleich verdeutlicht es die erheblichen Störungen des Schiffsbetriebs und die psychische Belastung für jene Seeleute, die über Monate hinweg an Bord der Gefahr von Angriffen ausgesetzt waren.

Seeversicherungen standen während des gesamten Konflikts zur Verfügung, wenn auch zu höheren Prämien für Kasko- und Frachtdeckungen. Für Reeder lag die eigentliche Herausforderung jedoch weniger in Versicherungsfragen als vielmehr im Risiko für Besatzung und Schiffe im Konfliktgebiet. Selbst wenn das Abkommen zwischen den USA und dem Iran Bestand hat und die Strasse von Hormus wieder geöffnet wird, sind belastbare Zusicherungen für eine sichere Passage erforderlich. Dies beinhaltet die Einbindung der internationalen Gemeinschaft, insbesondere wenn der Verkehr wieder das Vorkriegsniveau von bis zu 140 Schiffe pro Tag erreichen soll. «Wir sehen eine wachsende Unsicherheit rund um Schifffahrtsrouten. Jede Art von Ereignis – ein Konflikt, eine Pandemie oder ein auf Grund gelaufenes Schiff – kann potenziell eine erhebliche Störung der Schifffahrt und der Lieferketten auslösen. Die Ereignisse im Nahen Osten haben grössere Auswirkungen, als viele erwartet hätten. Die Schliessung der Strasse von Hormus schafft einen gefährlichen Präzedenzfall und wirft Fragen zur langfristigen Zukunft anderer kritischer Engpässe auf. Klar ist: Wir müssen einen Preis für Unsicherheit zahlen – mit einer Verschiebung von Just-in-time- zu Just-in-case-Lieferketten und einer stärkeren Priorisierung von Resilienz gegenüber Kosteneffizienz», sagt Captain Rahul Khanna, Global Head of Marine Risk Consulting bei Allianz Commercial.

Der aktuelle Bericht zeigt, dass in den vergangenen zehn Jahren mehr als 900 Totalverluste gemeldet wurden (Schiffe über 100 GT). Zwischen 2016 und Ende 2020 waren es 555, durchschnittlich 111 pro Jahr. Diese Zahl sank zwischen 2021 und Ende 2025 auf 350, durchschnittlich 70 pro Jahr. Dies entspricht einem Rückgang um 37 Prozent gegenüber dem vorherigen Fünfjahreszeitraum und spiegelt die positive Wirkung eines verstärkten Fokus auf Sicherheitsmassnahmen wider. Für 2025 wurden 43 Totalverluste gemeldet, davon mehr als 30 Schiffe über 500 GT.

Weltweit ging die Zahl der Schifffahrtsvorfälle im vergangenen Jahr um rund 16 Prozent zurück (2.818 im Jahr 2025 gegenüber 3.353 im Jahr 2024). Die Region östliches Mittelmeer und Schwarzes Meer verzeichnete die höchste Zahl (622), gefolgt von den Britischen Inseln (619), wo auch die meisten Vorfälle der vergangenen zehn Jahre auftraten. Maschinenschäden oder -ausfälle waren weltweit die Hauptursache für Schifffahrtsvorfälle und machten mehr als die Hälfte aus (1.505), gefolgt von Schiffskollisionen (260). Brände auf grossen Schiffen, darunter Containerschiffe und Autotransporter, bleiben ein Problem. 2025 wurden mehr als 200 Vorfälle gemeldet – weniger als 2024, aber immer noch der zweithöchste Wert des vergangenen Jahrzehnts, mit mindestens neun gemeldeten Totalverlusten.

Die zunehmende Grösse von Schiffen treibt den Trend zu höheren Schadensmeldungen, bei denen Reeder und Ladungsbeteiligte Verluste oder Aufwendungen teilen, um die gesamte Unternehmung im Notfall zu retten. Solche Ansprüche sind typischerweise komplex und hoch. Beiträge zur Deckung von Verlusten können bis zu 50 Prozent des Frachtwerts betragen – was bei einem Schiff mit mehreren tausend Elektroautos an Bord beispielsweise leicht mehr als 100 Millionen US-Dollar ausmachen kann. «Versicherungsmärkte reagieren schnell auf Krisen. Die eigentliche Herausforderung für Unternehmen besteht darin zu verstehen, wie Risiken miteinander verknüpft sind. Deshalb sind Resilienz und Risikomanagement ebenso wichtig wie klassischer Versicherungsschutz. Die Schifffahrtsbranche steht vor turbulenten Zeiten – nicht nur aufgrund geopolitischer Instabilität, sondern auch durch traditionelle Kasko- und Maschinenrisiken, bei denen wir weiter steigende Schadenkosten sehen. Unsere Rolle als Versicherer besteht darin, unsere Kunden sowohl als Risikoträger als auch als Partner beim Aufbau von Resilienz zu unterstützen. So minimieren wir Risiken, bevor sie zu einem schadenreichen Ereignis werden», sagt Justus Heinrich, Global Product Leader Marine Hull bei Allianz Commercial.

*Weitere Details zur Analyse und den zugrunde liegenden Bewertungsannahmen finden sich im Bericht.

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