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FREITAG, 29. JUNI 2018

Vom Zweifeln über zweisprachige Erziehung

Ich kann Ihnen den Moment, in dem ich beschloss, meinen Kindern keine Zweisprachigkeit anzutun, genau schildern. Ich war hochschwanger mit meinem ersten Kind und mitten in der Gemüseabteilung unserer Quartier-Migros. Da kam sie angedampft, die mit teuren Sportklamotten ausstaffierte Mutter, die ihr etwa einjähriges Kind im Einkaufswagen vor der Bioauslage positionierte:

«Luuk! Hier! Dis is de Broccoli dät is veeeeeery gud for ju. Mäni Vitaminen änd adder sings. Schäll wi bai de Broccoli for dinner? Jes, wäry guud!»

Auf die Gefahr hin, dass ich jetzt einige Leser verärgere: Die Frau war Deutsche. Und sie sprach ein unbeschreiblich mieses Englisch. Das arme, zweisprachig aufwachsende Kind, das sich eigentlich in aller Ruhe auf den bevorstehenden Tobsuchtsanfall beim Schleckwarenregal vorbereiten wollte, musste diese fahrlässig schlecht akzentuierte Sprachlektion als vermeintlich anspruchsvolle Komponente einer bilingualen Erziehung einfach hinnehmen. Wo wollte es denn auch hin? Es war gefangen im Kindersitz des Einkaufswagens. Oder «in dä Schopping-Trolli» …

Und ich? Gefangen in den Hormonschüben des dritten Schwangerschaftstrimesters und sowieso stets irgendwie in Rage (ich vermisse das ein bisschen, ganz ehrlich), beschloss ich auf der Stelle, dass ich meinen Kindern keine zweisprachige Erziehung angedeihen lassen werde.

Dabei habe ich selbst eine mehrsprachige Erziehung genossen, das heisst, ich wurde bilingual bzw. zweisprachig erzogen. Und deshalb spreche ich auch hervorragend Englisch, das muss gesagt sein. Ich kann allerdings nicht viel dafür, da ich in Kalifornien aufgewachsen bin und erst als Zwölfjährige in die Schweiz kam. Bis zu diesem Moment in der Gemüseabteilung war ich mir stets absolut sicher, dass mir Zweisprachigkeit bei meinen Kindern wichtig ist, dass ich sie auf Englisch grossziehen werde, sie also bilingual aufwachsen lassen wollte. Ist doch logisch! So gratis und mühelos eine zweite (und so wichtige!) Sprache «schenken» zu dürfen … Ein echter «no brainer»! Zweisprachige Erziehungsprobleme waren mir da by the way schnuppe.

Doch die Frau und die Hormone und das Biogemüse – von dem ich eigentlich so viel hätte essen müssen, um meinem ungeborenen Kind auch ohne Worte den besten Start ins Leben zu ermöglichen –, das war mir einfach zu viel. Dieser Auswuchs bilingualer Erziehung von Kindern liessen «my hairs stand up to the mountain».

Und so kam es, dass ich, das bilinguale Sprachwunder, total egoistisch entschied, für mein Kind einfach eine Mami sein zu wollen. Dass mein Kind erstmal nicht zwei Sprachen gleichzeitig lernen sollte und ich keine übereifrige Englischlehrerin mit dem Hang zur Selbstdarstellung sein wollte (das lebe ich anderswo aus). Das Argument, dass sie spätestens in der Primarschule eine zweite Sprache lernen werden, war für mich damals genug. Kinder mehrsprachig erziehen, sollten andere machen.

Fast forward … zehn Jahre später: Meine beiden nur Schweizerdeutsch sprechenden und keineswegs bilingualen Kinder lernen seit einiger Zeit Englisch. Unterrichtet werden sie von engagierten, herzensguten Lehrpersonen. Solche, die mit starkem Akzent Englisch sprechen und fehlerhafte Aufgabenblätter schreiben. Quasi die 2.0-Version der Streber-Brokkoli-Mutter, die bei allen Vorteilen womöglich auch schon die Nachteile bilingualer Erziehung erfahren hat.

«Knowing when to let it go» ist eine meiner liebsten Formulierungen – als Mutter, mit den einschlägigsten zweisprachigen Erziehungstipps sowieso. Ich habe damit Frieden geschlossen, dass meine Kinder genau so Englisch sprechen wie alle anderen auch: mit Schweizer Akzent. Es besteht immerhin die Hoffnung, dass sie sich in ein paar Jahren – auch ohne dass ich die Kinder habe zweisprachig aufwachsen lassen – in einen Engländer (oder in eine Engländerin, wir sind da offen!) verlieben und es dann ENDLICH richtig lernen. Und wer weiss, vielleicht zeugen sie ja dann mal selbst zweisprachige Kinder …

Aber so weit sind wir ja zum Glück noch nicht. Und ich bin mir auch nicht ganz sicher, ob die Grammatik zwischen Zungenküssen und anderen Dingen, die ich mir noch gar nicht ausmalen möchte, nicht ein bisschen zu kurz käme. Aber das ist ein ganz anderes Thema, und meine Töchter sind ja erst 9 und 11 Jahre alt.

We have all the time in the world, right?
 

Von Steffi Hidber
 

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