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Der Gotthard-Basistunnel war das grösste Bauprojekt, das die Allianz Suisse je versichert hat.  

Beat Guggisberg, Leiter Technische Versicherung, begleitete den Bau mehr als 20 Jahre.  

Im Interview erklärt er die Herausforderungen des Jahrhundertprojekts. 
 

Interview zur Versicherung des Gotthard-Basistunnels:
«Man muss die Ruhe haben, dem Berg zuzuhören»

Der Gotthard-Basistunnel war sein versicherungstechnisches Lebenswerk. Beat Guggisberg, Leiter Technische Versicherungen der Allianz Suisse, hat den Bau des längsten Tunnels der Welt über 20 Jahre lang begleitet. Im Interview blickt er zurück auf ein Jahrhundertprojekt, bei dem fast nichts sicher schien. 

Wie würden Sie Ihren Beruf in einem Satz beschreiben?

Beat Guggisberg: Ich besuche Baustellen zusammen mit dem Bauherrn und mache mir ein Bild, ob das Sicherheitskonzept State of the Art ist und auch ob das gebaut wird, was der Versicherung ursprünglich mal zur Zeichnung unterbreitet wurde. Beim Gotthard-Projekt gab es insgesamt 127 Baustellenbesichtigungen, bei etwa hundert war ich dabei. Es geht darum, ein Niveau der Sicherheit zu erreichen, damit ein solches Projekt versicherbar wird und auch während der ganzen Dauer bleibt.

Beat Guggisberg

Allianz - Beat Guggisberg

Der Geophysiker ist Leiter Technische Versicherungen der Allianz Suisse

Auf was blicken Sie als Erstes, wenn Sie auf eine Baustelle kommen?

Beat Guggisberg: Ein erster Blick gilt der Ordnung. Gibt es geregelte Abläufe und Prozesse, sind die Arbeiten vorbereitet? Ein zweites Indiz ist, wie die Leute miteinander reden. Schreien sie sich an, sind sie gestresst, laufen sie im Laufschritt? Man muss in dieser speziellen Umgebung tief unter Tag auch die Ruhe haben, dem Berg zuzuhören, um seine Signale zu verstehen. Mit der ‚Brechstange‘ erreicht man nichts. 

 

«Vorschriften, die Menschen schützen, schützen immer auch Maschinen, Anlagen und das Projekt selbst»

 

Dieser Tunnelbau war ein einzigartiges Projekt mit unzähligen grossen und kleinen Risiken. Wie können Sie diese Risiken bewerten, um am Schluss eine Prämie für die notwendige Deckungssumme ermitteln?

Beat Guggisberg: Die Allianz hat weltweit viele Projekte mit ähnlichen Deckungssummen versichert. Sechs Milliarden Franken waren als ursprüngliche Bausumme geplant, Projektänderungen, neue Wünsche der Bauherrschaft und auch die Teuerung haben dann daraus elf Milliarden gemacht. Versicherungstechnisch ist jedoch der so genannte PML, der Possible Maximum Loss, von grösserer Bedeutung. Also der grösstmögliche Einzelschaden, den es zu versichern gilt. 

Das berühmte Worst-Case-Scenario. Was wäre das gewesen?

Das war ein Brandszenario in der Multifunktionsstelle Sedrun am Fuss eines senkrechten Schachts mit 830 m Tiefe, etwa auf halber Strecke des Tunnels. Wenn dort ein Brand ausgebrochen wäre, wäre das Feuer durch den Vertikalschacht aufgestiegen. Da hätte man nichts löschen können, die gesamten Installationen wären ausgebrannt und das Gebirge durch die Hitze geschwächt worden, so dass aufwändige Sanierungen der Kavernen notwendig geworden wären. Ein solches Szenario hätte einen geschätzten Schaden von 300 Millionen bis 500 Millionen Franken verursacht.

Das waren nur Szenarien. Was war tatsächlich der schlimmste Schaden?

Die schlimmsten Schäden sind immer diejenigen, be denen Personen involviert sind. Bei den Sachschäden war für die Allianz der grösste Einzelschaden, als eine Zugeinrichtung riss, die ein Hochspannungskabel im Schacht bei Sedrun nach oben ziehen sollte. Dieses fiel fast die gesamte Höhe von 830 Metern nach unten und hat dabei Stahlträger verbogen und Lichtleiter, Betonverkleidungen, Fahrstühle und die Installationen am Schachtfuss zerschlagen. Vier Monate dauerte es, bis die Schäden wieder repariert waren. Der Schaden betrug mehr als eine Million Franken.

Sicherheit kostet ja immer Zeit und Geld. Kann es da zu Spannungen mit dem Bauherren kommen?

Beat Guggisberg: Es könnte so sein. Aber die Sicherheitsstandards in der Schweiz sind so hoch, dass man sich als öffentlicher Bauherr nicht exponieren kann. Und Vorschriften, die Menschen schützen, schützen immer auch Maschinen, Anlagen und das Projekt selbst. Doch wenn ich höre, was zum Beispiel auf Grossbaustellen weltweit passiert, wo am Ende des Arbeitstages gezählt wird, wie viele Arbeiter vom Bau wieder zurückkehren - nein, so was wäre bei uns völlig unmöglich.

 

«Hitze, Dunkelheit, Feuchtigkeit - die Belastung für die Arbeiter ist extrem»

 

Wie fühlte es sich an, Tausend Meter unter dem Berg zu arbeiten?

Beat Guggisberg: Die Belastung für die Arbeiter ist extrem. Das Gewicht des Gesteinsmaterials sorgt für eine Druckwärme. Die Gebirgstemperatur kann daher bis zu fast 50 Grad betragen. Der Tunnel muss deshalb gekühlt werden. Das Wasser aus dem Berg ist heiss, wie in einem Thermalbad. Zudem ist Beleuchtung nie mit Sonnenlicht zu vergleichen. Und wer dann aus Versehen mal in einen Scheinwerfer schaut, sieht hinterher erst einmal gar nichts mehr. Hitze, Feuchtigkeit und fehlendes Licht machen den Arbeitern sicher mehr zu schaffen, als die anstrengende und gefährliche Arbeit selbst.

Es gab nicht nur auf der Baustelle Herausforderungen. Auch am Markt für Rückversicherer gab es Turbulenzen.

Beat Guggisberg: Beim Abschluss 1999 war der Versicherungsmarkt noch einfacher - fast jedes Risiko konnte platziert werden. Schwieriger war die Verlängerung der Versicherung 2012, da die Bauarbeiten länger als geplant dauerten. Durch das Attentat auf das World Trade Center 2001 und die Finanzkrise hatte sich der Versicherungsmarkt geändert. Einige Rückversicherer waren vom Markt verschwunden, andere nicht mehr nach Allianz-Standard bewertet. Doch wir hatten eine gute Schadensbelastung von unter 25 Prozent, also der Anteil der Schadenszahlungen an der Versicherungsprämie. Das hat dann andere Rückversicherer von der guten Qualität des Projektes überzeugt. 

 

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Der Gotthard-Basistunnel

Mit 57 Kilometern Länge ist er das Kernstück der Neuen Eisenbahn-Alpentransversale (NEAT). Als längster Tunnel der Welt verbindet er den Kanton Uri mit dem Kanton Tessin. Seine Inbetriebnahme im Dezember 2016 reduzierte die Reisezeit zwischen der Deutschschweiz und dem Tessin um bis zu 40 Minuten. Wenn auch der Ceneri-Basistunnel in Betrieb ist, erreicht man Lugano ab Zürich in weniger als zwei Stunden. Nach Mailand verkürzt sich die Fahrzeit auf knapp drei Stunden. Mit einer Versicherungssumme von 11,5 Milliarden Franken war sein Bau das grösste Bauvorhaben, das die Allianz Suisse je versichert hat. 

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